Ein unfassbares Ergebnis bescherte die Tour de France 2020. Statt die richtigen Schlüsse zu ziehen, wird von einem Wunderkind phantasiert. Ich war der letzte der Naiven. Ich wollte an die Möglichkeit glauben, daß Radfahren sauber sein kann. Aber die „Sensation“ dieser Tour de France war selbst für mich zu viel.

Ich habe den Radsport immer verteidigt. Es ist ein faszinierender Sport. Und selbst nach all den Skandalen wollte ich einfach an das Gute glauben. Ich wollte glauben, daß ein sauberer Radsport möglich ist. Und jetzt das.

Die Tour de France ist Faszination

Die Tour de France ist für mich pure Faszination. Grandios, daß sie trotz Corona dieses Jahr stattfand. Ich bin Fan der Tour. Ich war 2014 beim Tour-Finale in Paris. 2019 war ich bei der Zielankunft in Valloire und am Start in St.-Jean-de-Maurienne. Ein unvergleichliches Erlebnis.

Ein unfassbares Ergebnis - iamcycling
Spektakel Tour de France

Die Farce in den Vogesen

Ein Newcomer, überspitzt gesagt ein Kind, gewinnt gegen gestandene Profis. Allein und praktisch ohne eine Mannschaft an seiner Seite. Eigentlich hatte er die Tour durch eine Windkante auf der 7. Etappe mit 1:21 Rückstand schon verloren. Als ob das noch nicht genug wäre, gewinnt er auch noch locker und ohne größere sichtbare Anstrengung. Wie Armstrong in seinen besten Zeiten. Total überlegen. Gefühlt war Pogacar bei jeder Etappe vorne dabei. Wie gesagt, in der Regel alleine und ohne Mannschaft. Ausgenommen in der 7. Etappe. Dort war er aber wegen einer eigenen Unaufmerksamkeit nicht vorne dabei.

Das Zeitfahren

Das Ergebnis des Zeifahrens ist für mich schlicht grotesk. Überzogen. Eine Karikatur. Ein Wunderkind! Ja klar. Die anderen trainieren ja auch noch auf Holzrädern. Letztes Jahr wurde uns die Geschichte vom Wunderkind schon mal aufgetischt. Da wollte ich die Geschichte vom Wunderkind Egan Bernal noch geglaubt. Aber zwei Jahre hintereinander die selbe Geschichte? Für wie blöd werden Fans und Zuschauer eigentlich gehalten? Kann man das nicht wenigstens geschickter machen?

Die Indizien sprechen für sich

Der Artikel „Kann die Tour de France sauber sein?“ bei Spiegel Online untermauert eindrücklich, daß die Radszene wieder rückfällig geworden sein muß. Ich hoffe, daß es nur die jungen Fahrer sind, die in den Profizirkus drängen und sich auf legalem Wege keine Chance ausrechnen. Oder keine Geduld haben. Irgendwie will ich immer noch glauben, daß die Beteuerungen stimmen und der Rest der Fahrer sauber ist. Aber müßte dann nicht ein Aufschrei der Entrüstung durch alle rechtschaffenden Fahrer gehen? Müßte die Empörung nicht riesig sein, daß schon wieder ein Wunderkind die Lorbeeren abfischt?

Auf der 8. Etappe der diesjährigen Tour de France hat Pogacar einen unglaublichen Rekord aufgestellt. Er hat die Bestzeit für den Anstieg zum Col de Peyresourde aufgestellt. Mit 24:08 Minuten fuhr er den 9,7 Kilometer langen Anstieg mit durchschnittlich 428 Watt und damit 1:40 schneller als Lance Armstrong 2001. Die Liste der Bestzeiten wurde ebenfalls auf Spiegel Online veröffentlicht. Auf dem YouTube Kanal „thecyclingdane“ findet man eine interessante Analyse dieser 8. Etappe.

Die Indizien sprechen für sich. Spiegel Online schreibt, daß Nairo Quintana auf Platz 22 der Bestenliste des Anstiegs nach Alpe d’Huez steht. Er ist der schnellste der nicht überführten Doper mit 2,5 Minuten Rückstand. 2,5 Minuten bei einer Bestzeit von 36,8 Minuten. Das paßt in die Größenordnungen des Bergzeitfahrens vom Samstag.

Dazu kommt die Vorbelastung der Slowenen, wie im Internet zum Beispiel im Artikel „Warum sind die Slowenen so stark?“ vom 03.09.2020 bei der Süddeutschen Zeitung nachzulesen ist.

Corona hat ebenfalls Möglichkeiten eröffnet, dadurch daß schlichtweg die Kontrollen nicht stattfinden konnten. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang das Interview in der ARD Sportschau mit Dopingexperte Hajo Seppelt.

Ein unfassbares Ergebnis - iamcycling
Die letzten Meter der Etappe in Valloire 2019

Warum diese Kritiklosigkeit der Medien?

Unverständlich ist für mich das Hinnehmen dieser Ergebnisse im Rahmen der Übertragungen. Wie kann man bei der Vergangenheit des Radsports von einem Wunderkind sprechen? Einer Leistungsexplosion. Ein unfassbares Ergebnis. Von einer neuen leistungsfähigen Generation? Unfassbar.

Oder habt ihr eine andere Meinung? Mein Spaß an der Tour ist jedenfalls erstmal verflogen. Er wird sicher wiederkommen. Er kommt schneller wieder, wenn auch dieses Mal wieder aufgeräumt wird.

Unschuldsvermutung

Ach ja, in einem Kommentar habe ich gelesen, daß die Unschuldsvermutung gelten müsse bis der Täter überführt sei. Das Prinzip ist unantastbar und gilt nach wie vor. Pogacar ist der gefeierte Tour-Sieger. Niemand nimmt ihm den Titel weg. Weil es keine Beweise gibt. Aber es gibt Indizien, die man bewerten und kommentieren kann. Ich schreibe meine Einschätzung und meine Meinung. Ich schreibe auf, daß ich enttäuscht bin weil das Ergebnis für mich völlig überzogen und absolut unglaubwürdig ist. Eine Farce. Aus meiner Sicht. Das ist meine Meinung.

Und wie weiter?

Aus meiner Sicht muß allen Experten klar sein, daß ein unfassbares Ergebnis wahrscheinlich schlicht auch einfach unfassbar ist. Es wird das richtige geschrieben und gesagt aber es werden die falschen Schlüsse gezogen.

Aber wer ist schon an Aufklärung interessiert? Wer will das gefeierte Wunderkind des Dopings überführen? Nicht auszudenken, wenn die Tour 2020 zur erneuten Farce würde? Wer will all die Sponsoren wieder abspringen sehen. Also: Augen zu und durch. Die Kröte schlucken und alles auf sich beruhen lassen. Dabei wird es wahrscheinlich leider bleiben.

0