Mein Mallorca Trainingslager 2020 ging wegen der Corona-Krise in die Hose. Das war an allem Ende nix. Und doch…

Endlich rückte das lang ersehnte Mallorca Trainingslager näher. Bald war es geschafft. Das Warten hatte ein Ende. Aber auch die Einschläge der Corona-Krise kamen immer näher. Bis zum Schluß war unklar, ob es etwas werden würde.

Vorfreude verdrängt Ängste

Main Abflug war Samstag Morgen. Noch am Freitag hatte ich auf der Hürzeler Webseite gelesen, daß in Mallorca alles ruhig sei und seinen gewohnten Gang gehe. Zugegeben, ich hatte mich nicht wirklich über die Situation informiert. Ich wollte nicht mehr wissen, als unbedingt nötig. Der Flieger flog, Hürzeler meldete keine Probleme. Das war mir genug.

Sollte ich doch stornieren?

Ein kurzes Zögern nach dem Aufstehen Samstag morgen. Sollte ich wirklich fahren? Hürzeler versicherte auf der Homepage weiterhin, daß alles ruhig und entspannt sei. Man bot nun aber erstmals an, die Reise kostenlos zu stornieren. Was mich stutzig machte. Ich hätte also die Möglichkeit, nicht zu fahren. Bestimmt eine halbe Stunde überlegte ich, wog für und wider ab. Die Sache war nach wie vor klar: Ich wollte unbedingt hin. Und wenn die Chance bestand, daß es klappte, dann wollte ich es auch probieren. Mein Kenntnisstand war, daß auf Mallorca alles ruhig sei. Ich dachte, bin ich einmal da, dann ist alles gut. Eine Woche abschalten von der ewigen Corona-Krise in Deutschland.

Der Abflug

Abflug am Samstag. Der Flughafen in Dresden war sehr ruhig. Es lag nicht am Samstag. Man schließe nach mir die Lounge, wurde mir erklärt. Es kämen kaum noch Gäste. Der Flieger war bestenfalls halb voll. Auch bei der Zwischenlandung in Zürich war nicht viel los. An der Lounge gab es eine kleine Schlange. Nur 50 Personen gleichzeitig sei die Vorgabe der Regierung seit dem Vorabend. Man könne noch nicht richtig damit umgehen. Nach kurzer Wartezeit sah ich, wie sich die 50 Erlaubten in der großen Lounge verloren. Da war das Gedränge in der kleinen Schlange vor der Tür aber deutlich größer.

Mallorca Trainingslager 2020: Alles ruhig in der Lounge in Dresden
Alles ruhig in der Lounge in Dresden

Angekommen in Mallorca

Und dann war es geschafft! Ich war wirklich da. Nach all dem Bangen im Vorfeld. Insbesondere in der letzten Woche hatte ich schon nicht mehr daran geglaubt. Ich spürte den Frühling. Jetzt wollte ich die Corona-Krise aber auch vergessen und eine Woche nichts anderes tun, als Rad zu fahren. Das Mallorca Trainingslager konnte losgehen. Die große Erleichterung und eine ungetrübte Freude wollte trotzdem in mir nicht aufkommen. Ich verstand auch bald schon warum.

Mallorca Trainingslager: Landeanflug auf Mallorca- iamcycling.de
Landeanflug auf Mallorca

Eine spontane Einrollrunde

Ich kam Samstag schon zeitig in Playa de Muro an. Ich checkte ein und konnte in Ruhe mein Rad zusammenbauen. Dann ging ich zur Registrierung bei Hürzeler, bekam mein Schloß für den Radhaken im Keller, Jetons für die Ausfahrten und den Sticker fürs Rad. Eigentlich war noch Zeit für eine kurze Einrollrunde vor dem Abendbuffet. Warum nicht? Und schon saß ich auf dem Rad. Ich fuhr noch am Hürzeler-Aushang vorbei und trug mich für die erste Tour am Sonntag ein.

Mallorca Trainingslager - Touren Aushang am Samstag - iamcycling.de
Touren Aushang am Samstag

Lohnt sich der Aufwand?

Zu Hause machen sich zuletzt schon Zweifel breit. Die „Saison-Vorbereitungsrunden“ in der Kälte oder auf dem Smart-Trainer machten nicht wirklich Spaß („Wiedereinstieg ins Training„). Ist es das alles überhaupt wert? Der Zeitaufwand, die manchmal unangenehme Regeneration nach dem Fahren.

Mallorca ist ein Genuß

Kurz gesagt: Die spontane Einrollrunde war ein Traum. Etwas frisch war es in der Abendsonne schon. Aber es roch nach Pinien, es roch nach Frühlingsblühern. Die Abendsonne ließ dazu alles in kräftigen Farben glänzen. Gefühlt hatte ich auf der kompletten Runde Rückenwind. Es lief, wie von alleine. Ich war recht schnell, obwohl ich sehr darauf achtete, ganz entspannt zu fahren. Die Zeit in der Kälte und die Schweißströme auf dem Trainer hatten sich also doch gelohnt. Ich konnte die erste Tour nicht mehr abwarten. Ich fuhr zum Aushang und schrieb mich um: Für 100 Kilometer der Gruppe zwei komme ich nicht den ganzen weg nach Mallorca. Zumindest die 120 Kilometer der Gruppe eins sollten es sein.

Mallorca Trainingslager - Traumhafte Einrollrunde - iamcycling.de
Traumhafte Einrollrunde in Mallorca

Der Urlaub war geplatzt

Nach dem Abendessen war plötzlich alles vorbei. Der Urlaub war geplatzt. Geliehene Räder müßten noch am Samstag zurückgegeben werden. Ausnahmezustand ab Montag acht Uhr in ganz Spanien. Ich war sprachlos. Damit hatte ich in meiner Blauäugigkeit nicht gerechnet. Daß noch etwas dazwischen kommen könnte, wenn ich einmal hier bin. Vorbei. Das wars. Bei Hürzeler nachgefragt hieß es, Montag werde das Land stillgelegt. Aber es spräche nichts gegen eine lange Tour am Sonntag. Zum Beispiel Sa Calobra und Cap Formentor wäre doch eine Idee.

Mallorca Trainingslager - Hürzeler Aushang in der Lobby - iamcycling.de
Hürzeler Aushang in der Lobby

Wenigstens eine Tour sollte gehen

Der Idee gefiel mir sogar sehr. So wollte ich es machen. Das wäre sowieso besser, als 15 Euro für eine 100 oder 120 Kilometer Tour zu bezahlen. Schnell stand die Planung mit Komoot. Erstes Ziel sollte Sa Calobra über Caimari sein. Danach wollte ich über den Col de Femenia in Richtung Cap Formentor fahren. Den Tip aus der Zeitschrift Rennrad wollte ich in jedem Fall fahren. Am Ende des ersten Anstieges aus Port de Polenta geht es noch ein Stück höher: Talaia d’Albercutx. Das wären am Ende 130 Kilometer gewesen. Nur falls ich noch Lust und Kraft hätte wollte ich weiter zum Cap Formentor fahren. Das wären dann 158 Kilometer geworden.

Vorbereitung zur einzigen Tour

Noch am Abend habe ich meinen Koffer gepackt. Einen neuen Rückflug habe ich, mit Glück, bei Eurowings für Montagmorgen acht Uhr gefunden. Perfekt und gar nicht so teuer, wie befürchtet. Dann hatte ich mir zurecht gelegt, was ich auf der Tour anziehen wollte. Beim Frühstück war ich mit der Erste. Ein langer Tag lag schließlich vor mir und ich wollte möglichst früh los. Der Hürzeler-Aushang war noch der gleiche, wie am Abend zuvor.

Alarmzustand doch schon ab Sonntag

Trotzdem dachte ich, ich gehe in der Boutique nachsehen, ob sich nichts geändert hätte und man wirklich fahren könnte. Und tatsächlich ware ab sofort jeder aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Meine einzige und wunderbare Tour war auch noch geplatzt. Die Enttäuschung saß nun erst recht tief. Mit Sa Calobra und dem Cap Formentor hätte sich die Reise übers Wochenende sogar fast noch gelohnt. Aber jetzt?

Ich hatte mir ohnehin überlegt, ob es in Ordnung sei, in einem Umfeld, das sich in der Krise befindet, meinem Vergnügen nachzugehen. Andere sahen das nicht so eng. Auf dem Weg zurück nach Palma habe ich, nicht viele, aber doch konstant einige wenige mit dem Rad gesehen.

Mallorca Trainingslager - Aushang zum Alarmzustand - iamcycling.de
Aushang zum Alarmzustand

Keine Reisewarnung für Mallorca

Andererseits hat man uns aber auch ohne konkrete Warnung anreisen lassen. Man hat uns glauben lassen, daß ein Urlaub und das Mallorca Trainingslager möglich sei. Bei einer so kurz bevorstehenden derart drastischen Maßnahme, könnte man es schon in Erwägung ziehen, eine Reisewarnung im Vorfeld auszusprechen. Sowohl von Hürzeler als auch vom Land Spanien oder der Regionalregierung der Balearen gab es keine Warnung.

Es war meine eigene Entscheidung

Ich weiß, daß andere die Situation anders bewertet haben als ich. Viele sind nicht mehr nach Mallorca gefahren. Mir ist bewußt, daß es meine eigene Entscheidung und mein eigenes Risiko war. Mir ist aber auch bewußt, daß ich in einer ähnlichen Situation wieder so entscheiden würde. Ein Mallorca Trainingslager im Frühjahr ist einfach das Größte für einen Rennradfahrer.

Irgendwie hat es sich doch gelohnt

Ich liebe das Rad fahren. Das habe ich nach dieser Reise endgültig und ein für alle Mal geklärt. Die eine entspannte Stunde war dafür genug. Vielleicht war das am Ende sogar der Sinn meiner Reise: Die kalten Ausfahrten im Winter draußen und die schweißtreibenden Einheiten drinnen einfach zu machen ohne am Radfahren als schönstem Hobby der Welt jemals wieder zu zweifeln.

Mallorca Trainingslager 2020 - iamcycling.de
Mallorca Trainingslager 2020 – Das war nix